Viele reisen, um sich selbst zu finden,
manche, um vor sich selbst zu fliehen;
einige, um beides zu tun.

REISEN

ist eine der ältesten Tätigkeiten der Menschen und lässt sich bis in die Ursprünge der Menschheit zurückverfolgen. Nahrungssuche, Bewegungsdrang und Neugier sind zunächst die ihm zugrunde liegenden Triebfedern. Das Wort "Reise" kommt vom mittelhochdeutschen "reis(e)", das "Aufbruch, Fahrt" bedeutet und vom germanischen Verb "reisa" "aufgehen, sich erheben" abgeleitet ist. "Reisec" ist zu jener Zeit das Wort für "beritten". Das althochdeutsche "reisa" (Heerfahrt) ist das Substantiv zu "risen" mit den zwei gegensätzlichen Bedeutungen von "sich erheben", steigen" (Riese) und "(nieder)fallen, stürzen" (rieseln). Diese Herkunft spiegelt sich auch noch im englischen "rise" wider. REISEN ist manchmal ein sich aufmachen, sich für Neues öffnen. REISEN ist durch das Transportieren eines Individuums von einem Ort zu einem anderen, also etwas sehr Persönliches und Individuelles (siehe SINGLEREISEN und INDIVIDUALREISEN). PAUSCHALREISEN oder GRUPPENREISEN ist hier meist nicht vorgesehen.

Auf einer Webseite heißt es dazu: "REISEN, das ist lustig, REISEN, das ist schön. Diese bekannte Sprichwort kennt wohl jeder. Es ist für alle die schönste Zeit im Jahr: die Urlaubszeit, in der man URLAUBSREISEN machen kann. Erst kommt die Vorbereitung. Wohin soll das REISEN gehen? Vielleicht mal in der Berge zum Wandern (WANDERREISEN) oder eine Badeurlaub (BADEREISEN) auf eine der griechischen Inseln. Vielleicht mal ein Aktivurlaub, zum Beispiel eine Fahrradtour auf Mallorca - FAHRRADREISEN. Vielleicht soll es ein Tauchurlaub auf Ägypten sein. Oder KULTURREISEN nach Rom. Vielleicht haben Sie auch Lust auf einen Wellnessurlaub in Deutschland - WELLNESSREISEN. Hier bieten sich zum Beispiel die Ostsee, der Bodensee oder der Schwarzwald an. Oder auch die Rhön oder der Harz. Ganz egal wo es hin geht. Erstmal müssen Sie Ihre Reise buchen. Schnell geht's im Internet auf einer der zahlreichen Onlineplattformen. Oder Sie gehen in das Reisebüro Ihres Vertrauens. Vergessen Sie nicht, die Preise zu vergleichen. Denn es gibt große Unterschiede, zwischen den einzelnen Reiseanbietern. Wenn Sie günstig buchen möchten, nutzen Sie die Frühbucherrabatte aus, hier können Sie wirklich sparen. Wenn Sie flexibel sind, dann buchen Sie Lastminute oder sogar Super Lastminute. Bei Ihrer Reisebuchung sollten Sie auch vorher überlegen, was für Sie die beste Verpflegungsart ist. Sind Sie am Urlaubsort den ganzen Tag unterweg, dann reicht die Buchung mit Frühstück oder mit Halbpension. Sind Sie den ganzen Tag im Hotel und nur am Abend unterwegs, dann buchen Sie doch Vollpension. Wollen Sie auch am Abend im Hotel bleiben, dann ist all inclusive das Richtige für Sie. Mittlerweile bieten auch viele Reiseveranstalter das sogenannte Ultra Allinclusive an. Hier sind dann auch Leistungen wie Tennis, Fitnessstudio, Liegen, Internet usw. dabei. Suchen Sie sich auch die passende Reisezeit aus. Im August einen Städteurlaub (STÄDTEREISEN) in Rom zu machen, bietet sich nicht unbedingt an. Da haben Sie im Oktober mehr Spaß daran. Eine Fahrradtour auf Mallorca im Januar - FAHRRADREISEN. Muss auch nicht unbedingt sein. Hier ist der April vielleicht besser geeignet. Planen Sie eine Fernreise (FERNREISEN), beachten Sie die Wirbelsturm- und Regenperioden in den einzelnen Ländern. Wenn Sie dann Ihren Urlaub gebucht haben, müssen Sie auch noch an einiges andere denken: Brauchen Sie einen Reisepass im Urlaubsland oder reicht Ihr Personalausweis. Sind Ihre Papiere noch gültig? Denken Sie auch an eine Reiserücktrittsversicherung und an eine Auslandkrankenversicherung. Beim FERNREISEN sollten Sie darauf achten, ob im jeweiligen Land bestimmt Impfungen vorgeschrieben oder empfohlen sind. Wie kommen Sie an Ihren Abflugshafen - FLUGREISEN. Werden Sie von Freunden hin gefahren. Brauchen Sie vielleicht noch ein Bahnticket - BAHNREISEN. Wenn Sie mit Ihrem eigenen Auto zum Flughafen fahren - AUTOREISEN-, denken Sie an die Parkplatzreservierung am Flughafen. Aber das ist nicht alles an, woran Sie denken müssen. Wie sieht es mit Ihrer Reiseapotheke aus? Haben Sie auch schon eine spannende Lektüre gekauft, die Sie vielleicht im Urlaub lesen möchten? Haben Sie jemanden organisiert, der während Ihrer Abwesenheit Ihre Blumen giesst und den Briefkasten leert? Ist Ihr Fotoapparat oder Ihre Videokamera einsatzbereit? Wenn all diese Vorbereitungen geschafft sind, kann der Urlaub losgehen - URLAUBSREISEN. Denken Sie daran, Urlaub ist zum Erholen da. Also keinen Stress, machen Sie das, auf das Sie Lust haben. Nehmen Sie sich nicht zuviel vor. Also keine Freizeitstress. In diesem Sinne, viel Spaß und denken Sie an das Motto: REISEN, das ist lustig, REISEN, das ist schön."


Roger Willemsen in einem Interview mit Christian Schachinger mit zu seinem Reisebuch "Die Enden der Welt" über das REISEN: "Wenn ich das Gefühl habe, zu Hause wird es mir zu langweilig, folge ich dem Versprechen magischer Namen. Das könnten Dakar, Timbuktu, Odessa oder Kamtschatka sein. Man bereist immer auch die Aura eines solchen Namens. Allerdings fühlte ich mich schon früh im Leben immer auch von menschenleeren Gegenden, etwa von Wüsten, angezogen. Weg von der Schauseite, hin zur Kehrseite einer Landschaft. Die Menschen, die dort siedeln, sind weltabgewandt. Es herrscht die Natur. Man betritt da eher Seelenzustände und fühlt sich unbehaust. Kamtschatka ist die Weltgegend mit der größten Dichte noch tätiger Vulkane und den merkwürdigsten Wolkenbildungen, die ich je gesehen habe. Man hat dort die Illusion, dass man an ein "An-sich" von Orten gelangt. Der Tourist reist immer nur mit flüchtigen Bodenberührungen, der Reisende meines Verständnisses möchte gern in der Landschaft verschwinden, unscheinbar werden. Man hat das Gefühl, dass man einen weißen Fleck auf der Landkarte betritt. Menschen und Landschaft dort haben keine Mittel, um auf Touristen einzugehen. Man erfährt sich selbst als unausweichlich. Man selbst ist das einzige Kontinuum. Zu Hause, in der Zivilisation, verstellen einem die immergleichen Reklamebilder, all der Kulturmüll, der sich über die Jahrhunderte angehäuft hat, die Welt. Gleichzeitig gibt es Bilder und Zustände, die man zu Hause nicht antizipieren kann. Gefährdung, Ekel, Vereinsamung, unter Umständen sogar Langeweile kann man zu Hause nicht in so dramatischen Formen wie in Kamtschatka oder der Sahara oder im Dschungel von Borneo kriegen. Man erlebt dort Phänomene der Selbsterneuerung: Ah, der bin ich! Unabhängig davon, dass man ja auch immer eigene Konjunktive bereist: Wer hätte ich dort, wo ich hinfahre, sein können. Wer wäre ich gewesen, wenn ich dort aufgewachsen wäre. Wer wäre ich, wenn ich an der Seite einer zwei Zentner schweren sibirischen Freistilringerin das Kamasutra durchdeklinieren müsste? Ich habe etwa im Hochland von Patagonien Menschen getroffen, die keinen Strom, keine Bücher, kein Radio haben. Die hocken dort nachts in vollkommener Finsternis auf einem Hügel - und transzendieren sich nicht. Das ist etwas, das ich anstaunen kann, weil ich nicht weiß, was diese Leute in sich selbst finden. Ich an ihrer Stelle würde verrückt werden. Diese Form der permanenten, unausweichlichen Selbstbegegnung findet man nur bei Menschen, die weltabgewandt leben. Das sind nicht immer die sympathischsten Leute. Manche von ihnen sind auch bitter geworden. Sie müssen aber ein profundes Innenleben haben, sonst könnten sie so nicht leben. Es ist eine Herausforderung, mit solchen Menschen umzugehen."
Quelle: http://derstandard.at/1304552245598/Kamasutra-in-Kamtschatka (11-05-19)

Roman Sandgruber (2012) schreibt zum REISEN: "Der Mensch ist von Natur aus ein Nomade. Er ist stets auf Reisen. Das Sesshaftwerden war wohl der tiefste Einschnitt in seiner Geschichte. Doch war das Reisen nie ein Vergnügen. Unterwegs war der Mensch, weil er sich dazu gezwungen fühlte: aus Hunger, zur Jagd, zum Handel, zum Krieg, aus Abenteuerlust und Eroberungsdrang. Der Sinn des Wortes „reisen“ wandelte sich, so wie sich die Reise änderte. Ursprünglich meinte es nicht die Fortbewegung von Ort zu Ort, sondern den Aufbruch und Abschied, was im englischen „to rise“, ist gleich sich Erheben, Aufstehen, insbesondere Aufbrechen zum Kriege, noch deutlich erkennbar ist. „Witwen und Waisen macht man viel in Reisen“, lautet ein alter Spruch, der nur verständlich ist, wenn man Reisen als Krieg führen übersetzt. Insofern ist Reisen das Gegenteil von Sitzen. Es ist das Aufstehen. Die Reise um ihrer selbst willen war im Mittelalter noch völlig unbekannt. Eine Reise war eine schmerzliche Sache. Man reiste in das „Elend“, in das andere Land, die Fremde, denn nichts anderes heißt Elend seiner Wortwurzel nach. Die mittelalterlichen Kaiser regierten im Reisen. Erst im ausgehenden Mittelalter entwickelten sich Regierungssitze. Ritter und Soldaten, die „Reisigen“, waren ständig „auf Reisen“. Doch die wichtigste Reise war die Pilgerreise."
Quelle: Sandgruber, Roman (2012). Die ewige Reise. OÖN vom 25. August 2012.

In einem Newsletter heißt es zum Thema REISEN: "Reisen holen uns aus unserer Komfortzone: Plötzlich befinden wir uns in einem ganz anderen, ungewohnten Umfeld. Die Menschen sind vielleicht ganz anders. Es gibt andere Gefahren, auf die man achten muss. Und auch im Supermarkt muss man sich erstmal zurechtfinden. Auf Reisen werden wir oft vor Herausforderungen gestellt und mit unseren Grenzen und Ängsten konfrontiert. Das ist gleichzeitig eine gute Gelegenheit, sich selbst neu auszuprobieren und vielleicht ganz neue Seiten an sich selbst zu entdecken. Wenn wir uns beispielsweise trotz Sprachbarriere gut zurechtfinden. Oder uns trotz vieler unbekannter Risiken etwas getraut haben. Wir erfahren, wie gut wir die Dinge hinbekommen können, auch wenn wir komplett auf uns allein gestellt sind. Eine Reise ist der Augenblick, an dem wir uns solchen Herausforderungen aussetzen und unsere Grenzen neu ausloten können. Und an solchen Erfahrungen wachsen wir als Mensch. Wir erfahren etwas über unsere eigene Identität: Wenn man an Orte reist, an denen vieles ganz anders ist als zu Hause, dann bietet uns das auch eine sehr gute Gelegenheit, um mehr über uns selbst zu erfahren. Wenn ich z. B. in ein fremdes Land fahre und mir auffällt, dass sich dort kein Mensch im Auto anschnallt, dann sagt das auch etwas über mich aus. Es so gewohnt zu sein, zeigt mir, dass ein gewisses Sicherheitsdenken Teil meiner Identität geworden ist. Und wenn wir ein wenig mit offenen Augen durch die Welt laufen, dann werden uns viele solche Dinge auffallen, wo wir mehr über das erfahren, was uns selbst eigentlich ausmacht. Eine Reise in ein fremdes Land bietet uns die Möglichkeit, das, was man selbst tut und gewohnt ist, mal aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Denn dabei erfährt man oft, wie relativ das sein kann, was als „normal“ gilt."
Quelle: Zeitzuleben-Newsletter vom 20. Juli 2014