GRUPPENREISEN

erfasst epidemisch manche Menschen zu bestimmten Jahreszeiten, gleichsam ein fiebriges REISEN, das nur in Gestalt von GRUPPENREISEN bekämpft werden kann. Dieses kann sich aus genuinem SINGLEREISEN, INDIVIDUALREISEN oder PRIVATREISEN allmählich oder abrupt entwickeln.

Zum GRUPPENREISEN schreibt Martin Amanshauser: "Es ist definitiv ein Menschenversuch. Aber sie machen es freiwillig und lassen sich die Frustration nicht anmerken: Gruppenreisende, fast immer in Bussen, meist untereinander altersähnlich und im Seniorensegment angesiedelt. Selbstverständlich gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen der Raiffeisen-Tagesbusfahrt nach Passau und der 21-tägigen Zentralasien-Studienreise des Qualitätsveranstalters Studiosus. Aber eine Sache ist immer gleich: Entleeren sich Gruppenbusse in einen harmlosen Stadtkern, scheint kein Einziger aus der Menge den Drang zu verspüren, alleine loszuziehen – nein, sie folgen in Rudeln den Fremdenführerdamen, und bald schwirren ihre Köpfe vor nutzlosen Informationen: 15.Jahrhundert, Napoleonische Kriege, Neoklassizismus, Absolutismus. Im Idealfall bedeutet Reisen eine Annäherung an den Zielort. GRUPPENREISEN bieten mehr: ein soziales Experiment mit Leuten aus dem gleichen Kulturkreis. Der gruppendynamische Ablauf ist immer gleich. Zuerst spaltet jeder Einzelne die Mitreisenden unwillkürlich in Begehrens- und Verachtenswerte. Nach einigen Tagen schwanken die Vorurteile. Nach einer Woche bildet sich eine Gruppe, in der jeder jeden kennt. Nach zwei Wochen werden die Karten neu gemischt. Einige Verachtenswerte werden in die Gruppe der Begehrenswerten upgegradet, für andere gibt es ein Downgrading. Gegen Ende ist jeder überzeugt, in der einzigen, wunderbaren, außergewöhnlichen Gruppe zu reisen (verdächtigerweise geschieht das immer). Die Reiseleiter unterstützen diesen Mythos: „So tolle Leute wie euch hatte ich noch nie!“ Stimmt – auch ein besserer Reiseleiter wäre unvorstellbar. Der Gruppenreisende, auf den die coolen Individuellen, die sich einbilden, „wirklich“ vor Ort zu sein und womöglich eine authentische Erfahrung zu genießen, von oben herabschauen, personifiziert die Realität des Tourismus. Sein Trip gleicht einer Injektion, deren Inhalt aus einer homöopathischen Dosis des Ziellandes besteht. Andererseits stört und kreuzt er die Kreise der Individuellen kaum, da er sich grundsätzlich nur im historischen Weichbild aufhält, wo Lokale und Souvenirläden wuchern, die ausnahmslos seiner Ausweidung dienen. Daher lebe er hoch!".
Quelle: Die Presse vom 19.06.2011