NICHTREISEN

ist gewissermaßen die existentialphilosophische Form zu REISEN, die Negation von REISEN, die Verweigerung zu REISEN. Nihilismus pur.

Dazu schreibt Egyd Gstättner: "So oft war ich schon unterwegs, und immer noch wird mir mulmig beim bloßen Gedanken an das Ausgesetztsein! Außer Sterben ist mir kaum etwas so unangenehm wie Reisen in ferne Länder. Alles außerhalb meiner Stadt ist in Wahrheit Wüste. Wunderbar sind bloß Reisen, die man ein Leben lang plant, träumt, immer wieder hinausschiebt, aber schließlich doch nie wirklich unternimmt. Das Kofferpackendenken, das Kofferpackenlistenschreiben, schließlich das Kofferpacken und die ständige Unsicherheit: Zu wenig! Zu viel! Das Falsche! Der große Medikamentenkoffer für das Frachtgepäck, die kleine Medikamententasche für das Handgepäck. Welche Medikamente in welche Medikamententasche, und welche Medikamente überhaupt? Man weiß ja nicht, welche Krankheiten kommen werden und welche Medikamente dagegen helfen, falls es überhaupt eine Krankheit ist, gegen die Medikamente helfen. Etwas für warmes Wetter, etwas für kaltes Wetter, etwas für dazwischen, etwas zum Kombinieren. Schuhe, Ersatzschuhbänder, Ersatzschuhe, Ersatzschuhersatzschuhbänder … Und immer die Angst, im entscheidenden Moment das Entscheidende zu vergessen, unterwegs das Entscheidende zu verlieren. Die Orientierung, die Scheckkarte, die Brieftasche, die Nerven, die Zahnprothese, das Gesicht, den Reisepass. Die Angst, bestohlen, betrogen, belogen, ausgenommen zu werden, die Angst, plötzlich dazustehen und nicht mehr weiter zu wissen, wehrlos, mittellos, sprachlos, aussichtslos, nackt. Die Angst, unterwegs von Schmerzen gepackt zu werden, von einem Schwächeanfall, einem Herzanfall, einem Lungen-infarkt, einer Luftröhrenlähmung, einem Darmdurchbruch, einem Schlaganfall. Die panische Angst, zusammenzubrechen, niederzustürzen, jämmerlich zu verrecken unter den unverständigen Blicken von fremdsprachigen Ärzten. Ja, wenn ich meine Frau mitnehme, wären meine Unruhe, meine Sorgen und Ängste schon halbiert. Aber wenn ich meine Frau mitnehme, muss ich auch die Kinder mitnehmen, und das würde meine halbierten Sorgen und Ängste verzehnfachen. Ach, die Kinder: Nehme ich sie mit, sind sie eine Belastung. Lasse ich sie hier, fehlen sie mir schrecklich.Und es sind gar nicht nur die göttlichen Kinder. Das Haus, der Garten, die Kaninchen, alles, alles und noch das nichtigste Detail des häuslichen Lebens fällt unvermutet dieser gigantischen schmerzlichen Liebe anheim. Es nagt und zehrt, es zehrt und nagt. All das lassen? Nie und nimmer. Irgendwer muss schließlich die Kaninchen füttern!".
Quelle: Die Presse vom 19.06.2011